Dehnen

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rstoll
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Dehnen

Beitrag von rstoll » 4. Feb 2019, 19:41

Oftmals sieht man Bogensportler vor dem Wettkampf oder zu Beginn des Trainings sich zu dehnen.
Für mein Verständnis seit langen macht das Dehnen im Bogensport und speziell vor der Belastung keinen Sinn.
Zu dem Thema hatte ich heute auch eine interessante Diskussion mit meiner Tochter, derzeit in Ausbildung zur Sport- und Gymnastiklehrerein, die mich nach einem aktuellen Seminar mit Physiotherapeuten in meinem Verständnis bestätigt. Hier die Grundlage.
Keine Diskussion: Dehnen zur Verlängerung verkürzter Muskulatur bei Dysbalancen/als Ausgleich macht Sinn, aber nicht als spezifischesTrainingselement im Bogensport und schon gar nicht beim Aufwärmen.
Was ist eure Meinung?
Hier ärgere ich regelmäßig Kinder und Erwachsene ;-) www.bsc-schoemberg.de

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bkr_hro
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Re: Dehnen

Beitrag von bkr_hro » 4. Feb 2019, 21:52

Ein Mediziner, der bei uns im Verein Mitglied war, sagte: Danach ja, davor nein.

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ullr
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Re: Dehnen

Beitrag von ullr » 4. Feb 2019, 22:24

Hallo Ralf,
erst einmal herzlichen Dank für das Dokument, das Du in's Netz gestellt hast. Ich werde in meinem Artikel "Vorbereitung auf Training und Wettkampf im Bogenschießen" mit Freude auf diese sehr schöne und informative Zusammenfassung hinweisen.
Gruß und klar doch,
"Gut Schuss!"
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b_der_k_te
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Re: Dehnen

Beitrag von b_der_k_te » 5. Feb 2019, 12:12

Ich finde wir sollten hier nicht so pauschal über dieses Thema drüber fahren und genauer differenzieren. Der Begriff "dehnen" ist schon zu allgemein gehalten. Was dehne ich, und zu welchem Zweck dehne ich, sind die Fragen die man sich stellen sollte. Und dann noch wie dehne ich. Es gibt da offensichtlich Methoden die, von der Ferne betrachtet wie Aufwärmübungen aussehen.
Ichfinde es halt schon witzig das die ersten beiden Bilder in der Diskussion ausgerechnet Fußballspieler beim Dehnen vor dem Spieleinsatz zeigen.

Dehnen für mein Verständnis ist aufs Wesentliche heruntergebrochen: eine Zugbelastung auf einen Muskel und dessen Sehne(n) aufbringen.
Der Zweck: Primär einmal die Beweglichkeit zu verbessern. Beweglichkeit kann man danach definieren wie groß der Bewegungsspielraum bzw. -Winkel um ein Gelenk ist. Kann man den Kopf z.B. um 60° nach links drehen oder um 80°. Wie weit sind die "Endanschläge" auseinander. Für mich ist "Beweglichkeit" aber zusätzlich auch noch damit definiert wie locker die Bewegung von Statten gehen kann. Muß sich der Agonist besonders anspannen um die Bewegung einzuleiten oder bis zum Endanschlag zu kommen? Ein frisch geöltes Gartentor empfinde ich als viel "beweglicher" gegenüber ein altes Eingerostetes, auch wenn dieses noch so weit aufgeht.

Okay, der Bewegungsspielraum unserer Muskulatur kann sich verringern wenn z.B. sich die Muskeln oder die Sehnen verkürzen. Dem kann und muß (besonders bei Kraftsportarten) durch Dehnen entgegengewirkt werden. Bei Sehnen wissen wir - die passen sich nicht so schnell an. Dazu ist regelmäßiges Dehnen notwendig. Vor dem Sport also unnötig. Nichts desto trotz aber wichtig. Gerade diese langfristige Einheiten festigen die Stabiliät der Sehnen bei gleichzeitiger Erhaltung oder sogar Erweiterung des Bewegungsspielraums. Und genau das ist Prophylaxe, starke Sehnen und große Beweglichkeit schützt vor Verletzungen - doch die muß eben langfristig antrainiert werden.

Muskeln verkürzen sich bei Belastung - vor dem Sport also ebenfalls unnötig zu dehnen. Nach dem Sport merkt man es aber dann umso deutlicher wenn man - der aktuellen Lehrmeinung folgend - den noch warmen Muskel mindestens 90 Sekunden lang dehnt. (statisches Dehnen) Wird ein Muskel nämlich so lange unter Zugspannung gesetzt, versucht er erst einmal dieser Belastung mit entsprechender Kontraktion Stand zu halten. Länger als 70-90sek hält ein Muskel das aber nicht durch, bis er erschlafft. Das ist oft deutlich spürbar, wird als angenehm empfunden und erst jetzt wird er im eigentlichen Sinne "gedehnt".
Wenn dieser Muskel im Sport davor soweit beansprucht wurde das kleine Risse entstanden sind (=Muskelkater) ist es wohl klar das diese Dehnmethode den Muskelkater sogar noch fördern kann, immerhin wird der Muskel zusätzlich über eine Minute lang nochmal bis zur "Erschöpfung" gefordert, die bestehenden Risse unter Belastung gesetzt...


Das was Sportler vor dem Sport machen, mag wie Dehnen aussehen und wird entsprechend oft als Streching und Dehnen bezeichnet, für mein Verständnis ist es das aber nicht.
Deshalb komme ich wieder zurück auf die "lockere" Beweglichkeit. Es gibt auch den Begriff in der Sportwelt: "Lockerung" oder "auf-lockern". Nur scheint es mir wird dies fälschlicherweise allzuoft mit den Dehnen verwechselt oder gleichgestellt.
Beim Bogenschießen wissen wir, daß nur einige wenige Muskelgruppen angespannt und arbeiten sollen. Viele Muskeln sollten sogar möglichst entspannt, also "locker" bleiben.
Kein Muskel ist aber vollkommen "entspannt", es gibt immer einzelne Fasern die sich für kurze Zeit anspannen. Mal sind es mehr, mal weniger. Man merkt es z.B. beim Schießen wenn jemand die Bemerkung fallen läßt er sei heute irgendwie "steif" in seinen Schußbewegungen... Hinzu kommt in dieser Situation dann meistens auch eine geringere Empfindsamkeit für die Gelenksstellung und Bewegung. Man spürt Feinheiten, Kleinigkeiten im Schußaufbau und -Ablauf nicht so sehr wie man es bräuchte, kann dadurch Fehler nicht korrigieren.

Man kann sich die Entspannung antrainieren, z.B. über Meditationsübungen. Und man kann sich auflockern, dabei besonders jene Gelenke und Muskeln die beim Schießen entspannt sein sollten. Ob das nach dem Sport Sinn macht? Nicht doch, in dem Fall sinniger Weise eben davor.
Man versucht das Gefühl der Entspannung aufzurufen, vermittelt dem Körper das diese Muskelgruppen keine Kraftanstrengungen aufbringen müssen. Dazu eigenen sich eben auch kurzes (10sek), meist passives, Halten eines Gelenks in einer seiner Endstellungen. Das sieht halt wie Dehnen/Streching aus, ist aber Lockerung. Man kann das - wenn es einem besser liegt - genauso mit progressiver Muskelentspannung forcieren. Oder je nach Muskelgruppe eine passende Methode anwenden.

Beim Bogenschießen bewährt sich das meiner Meinung nach ganz besonders bei den Handgelenken, den Fingergliedern, dem Zugarm(ellenbogen). Die lockere Bewegung ist auch beim Kopfdrehen essenziell, hier die Lockerungsübungen des Halses aber nicht übertreiben! Sogar für die Füße und Beine empfinde ich es als angenehmer wenn sie sich beim Schießen entspannt und "schwer" anfühlen.
Auch zwischendurch, während eines langen Turniers sieht man SchützInnen (auch Spitzen-Nationalteams) die sich "Auflockern". Schafft man es in den Schießpausen auch der Muskulatur diese Pause zukommen zu lassen indem man sie passend entspannt und trotzdem bereit hält, so hat man bis zum Turnierende ausreichend Kraftreserven die man auch noch kontrolliert abrufen kann. Man macht weder frühzeitig schlapp noch - im extremsten Fall - verkrampft die Muskulatur und läßt sich nicht mehr feinfühlig ansteuern.

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